Der verschobene Valentinstag

Blütenfülle zur Herbst-Tag und Nachtgleiche, Mitte März, festgehalten von Fanni Herman.

Der ewige frühling

Es ist der 8. Februar 2026, und die Vögel singen am frühen Morgen  Ein kurzer Blick auf den Balkon-Garten bestätigt: Keine roten Rosen zum Valentinstag. Keine Tulpen. Keine Narzissen. Keine Anemonen. Keine Hyazinthen. Nur wenige, winzige Blätter und kleine Triebe an Frühjahrsblühern, die sich durch den schon milden Morgen schieben.

Eine Vorahnung und auch Erinnerung daran, was noch kommen wird — nicht Mitte Februar, sondern Mitte März. Während der ewige Frühling bereits in Blumenläden und Gartencentern Einzug hält, schält sich in den Gärten noch keine einzige Blüte aus dem festgefrorenen Boden hervor.
Es ist Samstagnachmittag und ich betrete ein Gartencenter, ganz bei mir in der Nähe: Am Parkplatz liegen die Staudenbeete brach, völlig kahl, kein einziges Blatt in Sicht, während riesige Behälter, überquellend mit leuchtend blühenden Frühlingszwiebeln und halbwinterharten Pflanzen vor dem Eingang einen Frühling vortäuschen, ein Frühling, der noch gar nicht da ist.

Verführt werden die Herzen der Gartenliebhabenden, die das tiefe Verlangen nach etwas Blühendem in ihrem Leben spüren (so auch ich). Blumenhunger, verstärkt durch die Vorstellung einer floralen Romanze für das Valentinstags-Date, dem schweren, süßlichen Duft der Hyazinthen und die greifbare, lebendige „Es-ist-endlich-wieder-Zeit-zu-Gärtnern“-Energie, die von allen Besucher*innen ausgeht, die sich schwärmend auf die blühenden, roten Topfrosen und bonbonfarbenen Ranunkeln mit Frohlocken und Jauchzen stürzen.

Die Realität sieht aber anders aus. Denn diese Frühlingsgefühle gehören nämlich eigentlich zu Ende März.
Kein blühender Februar. Dafür viel Illusion.

Die folgenden Zahlen spiegeln einen Teil der aktuellen Realität wider aber keine Angst, danach habe ich vielleicht etwas Entzückendes für dich, auf das du dich Freuen kannst. (P.s.: Es ist definitiv der Frühling.)

Links: Heuchera “Caramel” mit Samenständen von Aster laterifolius var. horizontalis “Prince” / Rechts: Onopordum acanthium

Der Balkongarten am 8ten Februar 2026

Pure, Raw Numbers:

Der Umsatz mit Schnittblumen in Deutschland im vergangenen Jahr überstieg eine Million Euro (Tagesschau, 2025)

Das Gesamtimportvolumen wurde auf 387,1 Millionen Stiele mit einem Gesamtwert von 124,7 Millionen Euro geschätzt . (Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, 2044)

Zwischen Januar und November wurden 83,7 Millionen Rosen mit einem Wert von 268 Millionen Euro importiert. 90,5 % aller Importe laufen über die Niederlande. Doch die Produktion findet weltweit statt. 77 % der Schnittrosen stammen aus Afrika und Südamerika ( Oekoreich, 2022) .

Mangelnde strenge Regulierung von Pestiziden im Ausland, im Vergleich zu Europa, beeinflusst die Produktion und das herausfordernde Arbeitsumfeld und schädigt gleichzeitig Ökosysteme, beispielsweise durch Wasserknappheit in Kenia und Kolumbien, die lokale Ökosysteme und Bewohner*inner betreffen (M. M. S. Almeida, J. M. F. de Oliveira, et al. , 2022) 

Alemeida et al. berichten weiterhin, dass 70 % der Blumenarbeiter pestizidbedingte Krankheiten melden. Obwohl viele Berichterstatter behaupten, dass der Umgang mit diesen pestizidbelasteten Blüten harmlos sei, deutenZhang et al. (2023) darauf hin, dass 85 % der importierten Rosen Rückstände verbotener Chemikalien enthalten, darunter Neurotoxine; sie zeigen zudem auf, dass EU-Supermärkte Rosen mit bis zu 15 verschiedenen Pestizidrückständen verkaufen.

Was Ökosysteme betrifft, so deuten Normyle et al. (2024) darauf hin, dass ein Pestizidabdrift die Bestäuberpopulationen in benachbarten Betrieben um bis zu 40 % reduziert.
Der CO₂-Fußabdruck allein mag kein ultimativer Maßstab für die tatsächliche Wirkung sein, doch er kann Hinweise auf das Ausmaß und die Intensität ökologischer Veränderungen geben(Flowers from the Farm, 2025) insbesondere, wenn man die Vorteile saisonaler, regionaler Produktion gegenüber dem globalen Markt betrachtet.

Xiao et al. (2024) weisen darauf hin, dass saisonale Betriebe eine Zunahme der Bestäubervielfalt um 30 % sowie eine Verringerung des Einsatzes synthetischer Pestizide (rund 40 %) aufweisen — wenn man deutsche Feld-Tulpen und niederländische Narzissenproduktionen betrachtet.

Im Rückezug zu Zhang et al. (2023) lässt sich feststellen,, dass Integriertes Schädlingsmanagement den Pestizideinsatz um 70–90 % reduzieren kann.


Geschafft! Auf geht´s in eher romantischere Ausblicke:

Left: Die Blätter von Rosa “Märchenzauber” gemeinsam mit den Kapseln von rdiospermum halicacabum / Right: Töpfe gefüllt mit Thymus sp. und Sideritis syriaca

DATEN PIONIERE

Innerhalb der „Slowflower-Bewegung“ und der Bewegung „Flowers from the Farm“ gibt es erste Versuche, mehr Daten zu sammeln, um wissenschaftliche und evidenzbasierte Beobachtungen über die Vorteile saisonaler, regionaler Schnittblumenproduktion zu erstellen. Es kann eine logische Schlussfolgerung sein , dass die Minimierung des CO₂-Fußabdrucks, sowie das Eindämmen der schädlichen Auswirkungen auf Ressourcen und Ökosysteme in der aktuellen Produktiondurch saisonalen und regionalen Schnittblumenanbau gefördert werden kann.
Des weiteren formen sich weitere Vorteile für die Umwelt sowie für individuelle, nachhaltige Unternehmen hat, die im Einklang mit ökologischen Techniken und Gartenwissen Blumen anbauen, wie die Bodengesundheit und das Steigern der Biodiversität (Sustainable Floristry Network, 2024).

Derzeit ist die Nachfrage nach Schnittblumen enorm — zu groß, um vollständig durch saisonale, regionale Alternativen abgedeckt zu werden — doch die Zahl der Landwirte, Famer-Floristen und Floristen, die mit „Slow Flowers“ arbeiten, nimmt stetig zu, wie der Mitgliederzuwachs im ganz deutschsprachigen Raum der Slowflowerbewegung zeigt.

All diese Zahlen und Bewegungen fügen sich zu einem wunderbaren Argument dafür, den Valentinstag in die Jahreszeit zu verlegen, in der es tatsächlich rote Rosen, Pfingstrosen, Ranunkeln und alle anderen begehrten Frühlingsblüten und Lieblingsblumen gibt. Vielleicht können wir gemeinsam ein neues Datum finden — oder sogar einen ganzen Monat, den „Valentins-May“?

(Ja, der Titel funktioniert zugegebenermaßen in der englischen Sprache etwas besser.)

Einer meiner liebsten wintergrünen Begleiter: Euphorbia myrisnites

RÜCKVERBINDUNG

Was diese Diskrepanz zwischen dem, was wir wahrhaftig erleben und jetzt im Garten sehen können (Anfang Februar), sowie der ewigen Illusion von Verfügbarkeit, Jugend und Wachstum, die in Blumenläden und Gärtnereien präsentiert wird, uns wirklich schenkt, ist die Erinnerung daran, präsent zu sein und in Freude Erwartung zu beobachten.

Das Erwarten des Frühlings mit all seiner Fülle ermöglicht es uns, die tatsächlichen Rhythmen wiederzuentdecken, wenn wir hinsehen. Nicht den Moment zu feiern, wenn der Frühling „endlich da“ ist (weil seine Langsamkeit oft den Eindruck erweckt, er sei plötzlich und unerwartet eingetreten), sondern den Zeitraum bis zu seiner „plötzlichen“ Wiederkehr der Natur zu begleiten — also die gesamten nächsten zwei Monate.

Diese Präsenz und Beobachtung ermöglicht es uns Menschen auch, das Leben in seiner Tiefe zu erleben und zu verstehen — und fördert zugleich unsere “Bids for Connection” , besonders zum Valentinstag: Entnommen aus der Theorie von Dr. John Gottman: Ein „Angebot der Verbindung“ ist jeder verbale oder nonverbale Versuch, beispielsweise ein Blick, eine Berührung, ein Kommentar oder eine Geste , mit dem eine Person Aufmerksamkeit, Bestätigung, Zuneigung oder Unterstützung von einer anderen Person einfordert (Gottman Institute,  2025).

Diese Versuche entstehen nicht aus dem finanziell gefütterten Konsum, sondern aus unserer eigenen Präsenz und dem Bewusstwerden der Wünsche und Bedürfnisse, die aus uns selbst emporsteigen. In den Rhythmus der Natur einzutreten, bietet uns nicht nur eine immense Erleichterung von Stress, wie Kwasniewska et al. (2025) feststellen, indem der Cortisolspiegel in unserem Körper gesenkt wird laut Hunter et al. (2019) sondern steigert zudem unsere Achtsamkeit. Klingt fast wie ein vollständiger Kreis, wenn es darum geht Liebe am Valentinstag “zu schenken”.

Es ist ein bewusster Schritt aus der Illusion der Ewigkeit, wie sie der Konsum und unsere Ökonomie suggerieren, in eine Welt, die von den Rhythmen des Lebens — und des Verfalls — gleichermaßen erfüllt ist. Und natürlich darüber hinaus von einer immensen Schönheit, die in Blumen zum Ausdruck kommt, die mit der Natur erwachsen, von Gärtner*innen und Menschen gepflegt werden, die die Bedeutung des Fürsorge für Boden, Wildtiere und Menschen in ihren eigenen Umgebungen spüren und leben.

Ach, und zu guter Letzt:

Links: Heuchera “Caramel” / Rechts: Geranium oxonianum “Katherine Adele”

FÜR DIE BLUMEN EUPHORIE

Für diejenigen, die einen Blumen-Fix brauchen:
der Februar muss nicht blumenlos sein — vielleicht liegt der Schlüssel darin, die Definition dessen, was „Blume“ bedeutet, anzupassen. Für mich zählen persönlich auch Blätter, Zweige und alles dazwischen. Ob als bekannte Technik, blühende Zweige hereinzubringen und ihren Blütenprozess über einen längeren Zeitraum zu beobachten, oder die Schattierungen von Blättern in den Trögen und Schalen auf meinem Balkon zu schätzen, kleine Arrangements in kleinen Gefäßen zu kreieren, einige „botanische Elemente“ hereinzubringen, wie ich sie gerne liebevoll nenne. Von den Blättern der Heuchera „Caramel“ oder der bewegungsvollen Cyclamen hederifolium bis hin zur bald blühenden Iris reticulata oder allen Schneeglöckchen wie meinem Favoriten Galanthus nivalis „Flore Pleno“. Wenn du einen Garten hast, werden dir die vielen Arten winterblühender Sträucher wie Viburnum bodnantense „Dawn“, Chimonanthus praecox sowie die außergewöhnlich duftenden Hamamelis-Arten deine Vorfreude auf den wirklichen Frühling süßen.

Auf geht´s, verschieben wir den Valentinstag doch gemeinsam, ein für alle Mal.

Links: Die Maisenknödel an dem Metallobelisken an dem normalerweise die Clematis “Paul Farges” durch die Saison rankt / Rechts: Euphorbia “Miners Merlot” zwischen Samenständen der Aquilegia sp. / Unten: Die wintergrünen Blätter von Penstemon barbatus “Coccineus”